Wir Digital Natives - Was zeichnet uns aus?
Wir Digital Natives - Was zeichnet uns aus?
Wir Digital Natives - Was zeichnet uns aus?
Für das WE Magazin habe ich einen Essay zu dem Thema "WE Digitial Natives" geschrieben. Das ganze spiegelt (allerdings nur) meine persönliche Sichtweise auf unsere Generation wieder und die Konsequenzen, die sich für unsere Umwelt und unsere Arbeitgeber mit dem Großwerden unserer Generation meiner Einschätzung nach ergeben werden.
Was mich in diesem Zusammenhang interessieren würde:
Was zeichnet für euch unsere Generation der Digital Natives aus? Welche Bereiche in unserer Umwelt sind durch die Etablierung der digitalen Denke besonders betroffen und müssen deshalb anfangen umzudenken? Und fühlen sich die Digital Natives hier im DNA_digital Netwerk im Artikel gut dargestellt? Habe ich wichtige Aspekte vergessen?
Ich freue mich auf euer Feedback!
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Artikel: WE DIGITAL NATIVES
Früher hätte man uns noch als Nerds oder Techies bezeichnet – jene komischen Menschen, die schon fast obsessiv mit neuer Technik umgehen, mit ihren Freunden mehr digital als analog kommunizieren und bei denen das Internet die erste und zentrale Anlaufstelle für Aufgaben- und Problemstellungen jeder Art darstellt. Inzwischen findet sich unsere Gesellschaft aber langsam damit ab, dass nun eine ganze Generation groß wird, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen ist und die digitale Denke vollständig angenommen hat: die Generation der Digital Natives. Mit 4 Jahren bekam ich den ersten PC, Tim Berners-Lee, dem die Erfindung des WWW zugeschrieben wird, hatte seinen Geistesblitz also gerade zur rechten Stunde, so dass ich bereits meine Hausaufgaben in der Schulzeit über das Internet akquirieren und tauschen konnte. Als ich 1997 mit 13 Jahren mein erstes Handy bekam, erntete ich zunächst seltsame Blicke von allen Seiten – „das sei doch nur etwas für Manager“. Die seltsamen Blicke sollten sich noch einmal wiederholen, als ich mit meinem PC von Party zu Party zog und probierte, den digitalen MP3-DJ als Nachfolger des Vinyldrehers zu etablieren. Ich mag als einer der Generationsältesten der Digital Natives noch als Early Adaptor gelten was technologische Entwicklungen angeht – für die heutigen Schüler gehört das Handy in der Hosentasche und der MP3-DJ im Club hingegen längst zum banalen Alltag.
Doch WE Natives zeichnen uns nicht nur durch den selbstständigen Umgang mit neuen Technologien aus. Wir haben vor allem ein anderes Verständnis von Informations-, Kommunikations- und Unterhaltungskultur: Musik und Filme hören und sehen wir online. Dass wir auch Tauschbörsen nutzen, liegt weniger daran, dass wir nicht auch grundsätzlich etwas für spannende Inhalte bezahlen würden. Gebt uns eine Entertainmentflatrate ohne Kompromisse, ohne Geräteabhängigkeiten, aber mit allen unseren Lieblingskünstlern - und der Rubel kommt wieder ins Rollen. Die Industrie wäre auf lange Sicht sowieso besser beraten, uns mit unserem zeitgemäßen Verständnis für Urheberrecht und unserem Empfehlungs- und Tauschverhalten unter Freunden nicht in den Knast, sondern in die Business Development Abteilungen der Entertainment Companies zu schicken. Früher oder später stoßen wir schließlich sowieso auf den offenen Arbeitsmarkt - denn auch wenn die Google AdSense- und Amazon Affiliate-Einnahmen von unseren Blogs einen netten Nebenverdienst darstellen, so können wir davon wohl kaum unsere zukünftigen Familien ernähren. Wir kämpfen also so früh wie möglich um spannende Jobs und Projekte. Um unsere Karriereprozesse zu beschleunigen verwenden wir viel Zeit darauf, unsere einzelnen Persönlichkeitsfacetten und Interessen in den verschiedenen Social Networks je nach Kontext zu managen und abzubilden. Verglichen mit älteren Generationen bereitet uns der Aufbau und die Pflege von vielfältigen und karriereträchtigen Netzwerken glücklicherweise mehr Freude als Last. Dabei sehen wir in der offenen Kommunikation unserer persönlichen Daten und Aktivitäten mehr Vorteile als die Datenschutzverfechter Nachteile.
Um unser Nutzungsverhalten im Netz noch etwas näher zu beschreiben: Wir sind es gewohnt, uns eigenständig Informationen anzueignen - dabei ist für uns der permanente Zugang zu Wissen selbstverständlich. Wir lesen keine Tageszeitungen, da sie nicht aktuell genug und nicht persönlich auf uns abgestimmt sind. Wir gehen meist nur in Bibliotheken, weil unsere Professoren sich das innig wünschen und Wikipedia und andere Quellen, die auf dem wisdom of crowds beruhen, immer noch als unseriös einschätzen. Und wir finden es zum Teil ganz schön albern, wie manche Unternehmen um unsere Aufmerksamkeit buhlen und in ihre Marketingpläne deshalb Schlagwörter wie Web 2.0 und Crowdsourcing einbauen. Dabei wissen sie zum Teil weder, was das wirklich bedeutet noch wären sie von ihrer Unternehmenskultur zu solchen Schritten bereit.
Letzteres ist ein gutes Stichwort, denn in Zukunft werden viele Firmen vor der Herausforderung stehen, dass sie ihre Unternehmenskultur an das geänderte Verständnis der Digital Natives im Hinblick auf Kommunikation und Informationsaustausch anpassen müssen. Meine Generation ist durch die intensive und ständige Nutzung von Social Communities, SMS, MMS und Instant Messaging Tools eine sehr schnelle und dynamische Kommunikation gewöhnt - auch in beruflichen Projekten kommunizieren wir fast unabhängig von den Variablen Ort und Zeit. Dies schürt bei unseren Kommunikations- und Arbeitspartnern auf der anderen Seite hohe Erwartungen an deren Reaktionsgeschwindigkeit. Doch auch auf anderen Ebenen werden sich Kluften zwischen den Generationen offenbaren: Wikipedia, Google Books, Dokumentenbörsen , iTunesU und viele andere Quellen im Netz haben uns Digital Natives gelehrt, dass Wissen und Informationen meist gratis, schnell und ohne große Barrieren verfügbar sind. In größeren Unternehmen, in denen ich bisher gearbeitet habe, ist aber die Zurückhaltung von Wissen und Informationen noch eine der entscheidenden Erfolgsfaktoren, um den eigenen Job und den Platz in der Firmenhierarchie zu wahren. Manager und Projektleiter müssen sich darauf einstellen, dass WE Digital Natives in unserem Job-Alltag in einer Google-ähnlichen Geschwindigkeit Informationen und Knowhow von anderen Mitarbeitern und unternehmensinternen Informationssystem erwarten, um motiviert zu bleiben und unserem System nach zu arbeiten. Auch im Netz agieren wir nicht komplett anarchisch und hierarchiefrei - auch in der Wikipedia haben sich schließlich Administratoren und Moderatoren etabliert. Allerdings sind wir durch Kommentare, Rating-Mechanismen und anderen interaktiven Instrumenten im Web 2.0 Zeitalter gewöhnt, dass unser Feedback, unsere Ideen und unsere konstruktiven Vorschläge gehört, registriert und beachtet werden.
Diese Grunderwartung transportieren wir auch auf unseren Alltag: Das fängt in der Schule / Universität an, erstreckt sich vom Bürgerbüro über die lokale Kirchengemeinde und die Bundespolitik bis hin zum eigenen Arbeitgeber. Natürlich hatten auch schon die Menschen vor 2005 eine eigene Meinung und produzierten user generated content, bevor Tim O‘Reilly den Begriff des Web 2.0 populär und die damit umschriebene partizipative und interaktive Onlinekultur salonfähig machte. Durch die Etablierung neuer Technologien, Webservices und Plattformen haben wir jetzt aber die entsprechenden Tools zur Verfügung, um unsere Meinung, unsere Ideen und Inhalte entsprechend abzubilden und zu kommunizieren. WE Digital Natives erwarten deshalb von unseren Lehrern und Professoren, unseren Bürgermeistern, unseren Pfarrern, unseren Politikern und unseren Firmenchefs und Teamleitern, dass sie uns eine Möglichkeit und eine Plattform geben, unsere Meinungen und Vorschläge kundzutun. Und dass sie uns gleichzeitig das authentische Gefühl geben, dass diese auch ernstgenommen werden. Falls uns diese Plattformen und Feedbackmöglichkeiten nicht von den Personen und Institutionen selbst angeboten werden, greifen wir auf dritte Plattformen zurück - oder wir erschaffen im Bedarfsfall gleich unsere eigenen. Auch im privaten Umfeld scheint unser Verhalten und unsere Kommunikation im Vergleich zu älteren Generationen anders gestrickt zu sein. Die „Willst du mit mir gehen? ☐ Ja | ☐ nein | ☐ vielleicht“ Briefe zum Ankreuzen, an die sich unsere Eltern in nostalgischen Stunden mit uns zusammen am Kamin zurückerinnern, zaubern uns ein analoges Schmunzeln auf unsere digital denkende Stirn. Der Ehering am elterlichen Finger, der uns in der gleichen Sekunde auffällt, bereitet uns hingegen eher Magenschmerzen, wenn wir an unser Beziehungsverhalten denken: Es gibt so viele Menschen, die wir jeden Tag auf Facebook poken, so viele Freundschaftsanfragen, die wir täglich auf MySpace einreichen und annehmen, so viele Veränderungen in unseren Top-Friends Listen im Laufe eines Lebens - wie sollen wir uns da in einer Welt mit einer solch hohen Dynamik auf lebenslange Zeit an einen bestimmten Partner binden..? Und nach welchen Kriterien wählen wir ihn aus? Schafft unsere Generation ein Wiki-Profil für jeden Bewohner auf dieser Erde? Werden die Ex-Partner unseres/r Auserwählten im Wiki-Profil die partnerschaftlichen Qualitäten raten und werden alle Hobbies, Tugenden und Laster dort verschlagwortet und in semantische Zusammenhänge gebracht? Wie lange dauert es noch, bis Services im Web unsere Kontaktverbindungen und unser Konsumverhalten netzwerkübergreifend tracken und uns Empfehlungen für den zukünftigen Lebenspartner unterbreiten?
Die Erfahrung zeigt zumindest, dass bisher fast alles realisiert wird, was technisch auch möglich ist. Und obwohl ich sehr froh bin, im digitalen Zeitalter mit vielen technischen Innovationen aufgewachsen zu sein, die die Kommunikation schneller und dynamischer machen - so sind es auch bei uns Digital Natives die analogen Pausen zwischendurch, die einen zur (notwendigen) kritischen Reflexion des eigenen Lebens führen und uns helfen, die wirklich wichtigen Entscheidungen in unserem Leben zu treffen.
Erst vor wenigen Wochen hatte ich einen recht bewegenden Moment: Ich war unterwegs im Zug, gerade auf dem Weg zurück von einem Kongress. In einem kleinen Ort wollte ich in einen Anschlusszug umsteigen - dieser kam aber einfach nicht. Und so stand ich in kompletter Einöde für 6 Stunden am Bahnhof. Kein Supermarkt, kein McDonalds, keine Menschenseele in der Nähe. Nur ich und ein Bahnsteig. Schnell zückte ich mein Macbook - Akku leer, auch mein iPhone schaltete sich ab, als ich nach der nächsten Alternativverbindung suchen wollte. „Was zum Teufel mache ich nun, bis der nächste Zug kommt?“, fragte ich mich. Kein Twitter, keine E-Mails, keine SMS, keine RSS-Feeds, keine Anrufe, keine Musik. Ich war einfach komplett abgeschnitten von der Außenwelt - und das auch noch unfreiwillig. Ein Asteroid hätte Amerika versenken können - und ich hätte es stundenlang nicht mitgekriegt. Die größte Misere war aber vielleicht, dass ich meine missliche Lage noch nicht einmal twittern und so anderen Menschen mitteilen konnte. Während die erste halbe Stunde einfach nicht vergehen wollte, begann ich mit der Zeit, meine kleine analoge Zwangspause zu genießen. Ich dachte über mich und meine Situation nach. Ich grübelte, was wohl jemand gemacht hätte, der vor 50 Jahren in meiner Situation gewesen wäre.
Ich dachte an meine Familie, meine verstorbene Oma, die durch ihr fehlendes Facebookprofil zu unrecht bei mir ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Ich dachte über meine Lebensplanung und die nächsten 10 Jahre nach. Am Ende war ich sogar bei dem Gedanken angelangt, ob ich meinen Kindern das Twittern verbieten werde, damit sie sich auf die vermeintlich wichtigen Dinge im Leben konzentrieren können. Aber als mir klar wurde, dass mir mein Sohn in 10 Jahren ohnehin entgegnen würde: „Papa, Twitter ist doch was für Opas“, da kam auch schon der Zug...
Letzte Änderung von Leonie Schlick am 06.11.2008 um 10:58
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