Standort Deutschland
Der Standort Deutschland
Widersprüchliches, Gemeinsames und Überraschendes - Experten im „Stichwort- Dialog“ über die Nach- und Vorzüge unserer Heimat im internationalen Wettbewerb.
Es reden miteinander:
#RF Dr. Rainer Fechner (Alcatel-Lucent Deutschland AG, Mitglied des Vorstands und Leiter der Bell Labs Deutschland)
#TR Thomas Renger (Cisco Systems, Director & Practice Leader, IBSG SP Europe)
#TM Thomas Mosch (Bitkom, Geschäftsleitung Politik & Recht, sowie Bitkom Research GmbH)
#AB Achim Bode (BMBF-Forschungsprojekt 4CforMedia, Dozent TFH + BTK)
#MD Michael Domsalla (Editor, Digital-Native-Veteran, Dozent, Inhaber KMTO . Kommunikation&Technologie)
Vorab: der Globale Rahmen
#MD Man kann den Standort Deutschland nicht betrachten, ohne den Globus im Auge zu behalten. Wir sind besonders in Deutschland, einer der führenden Wirtschaftsnationen der Welt, von den globalen Strukturen abhängig. Längst werden nicht nur Gelder und Waren, sondern auch Menschen und Wissen schnell weltweit transferiert. Die Entwicklung in anderen Ländern gibt den Takt vor, nach dem wir uns zu richten haben.
#RF Meine Überzeugung ist eine andere: die gesamte Welt spielt als Orchester, das versucht, einen gemeinsamen Takt zu finden. Kein Land oder Wirtschaftsraum kann den Takt alleine vorgeben.
#TM Ich glaube, dass vielen Menschen nur langsam bewusst wird, dass Deutschland heute längst nicht mehr die wirtschaftliche Bedeutung hat, wie noch vor zwanzig Jahren. Wir sind nicht Dirigent und spielen auch nicht mehr die erste Geige. Wir sind zwar noch Exportweltmeister, doch in vielen jungen innovativen Branchen laufen wir hinterher. Als Standort zehren wir oft noch von den Erfolgen der Vergangenheit; andere Nationen haben uns aber bei Innovationsgeschwindigkeit und Internationalisierung längst überholt. Diese Länder haben eine jüngere Bevölkerung, modernere Bildungssysteme und oft eine schlankere Verwaltung. An deren Tempo müssen wir uns orientieren, wenn wir den Anschluss nicht dauerhaft verlieren wollen. Andererseits bin ich davon überzeugt, dass wir in Deutschland große Stärken haben, die wir wieder besser ausspielen müssen.
#TR Ich möchte das Bild des globalen Orchesters gerne aufgreifen. Ich stimme zu, dass alle Instrumente einen gemeinsamen Takt finden müssen damit ein hormonischer Klang entsteht. Allerdings gibt es in einem Orchester auch Instrumente die hervorstechen und die Melodie prägen. Übertragen heißt daher für mich die Frage welches Instrument wir in Deutschland in diesem Weltorchester spielen wollen: eher die 1. Geige oder aber den Triangel.
#MD Die internationalen Vernetzungen liefern einen Knoten, der Wirtschaftskapitäne und Digital Natives miteinander verbindet: beide agieren ganz selbstverständlich in einer globalen Welt, allerdings oft in unterschiedlichen medialen Welten.
#RF Stimmt.
#AB Europa ist besonders gut darin, harmonisch zusammen zu spielen. Studien wie FLOSSimpact http://ec.europa.eu/enterprise/ict/policy/doc/2006-11-20-flossimpact.pdf zeigen, dass besonders in Mitteleuropa der Anteil von OpenSource-Entwicklern (und Projektleitern) weltweit am höchsten ist - höher als in Nordamerika und (selbst gewichtet nach PC-Dichte) in Indien oder anderswo in Asien. Das hat zu einer großen Zahl erfolgreicher KMUs in diesem Bereich geführt.
#TM Das ist das, was ich eingangs mit unseren Stärken meinte. Wir wären schlecht beraten, uns über Kriterien wie Preis oder Durchsatz zu definieren. Wir können auf unser tiefes Verständnis komplexer Organisationen und Prozesse zurückgreifen. Das sind Erfahrungen, die aus Jahrzehnten einer erfolgreichen Volkswirtschaft gesammelt wurden. Dieses Know-how lässt sich nicht einfach kopieren.
#TR Wie kann Deutschland im globalen Wettbewerb bestehen und den bisher erreichten Wohlstand bewahren bzw weiter ausbauen? Unsere Rolle des Export-Weltmeisters werden wir nur weiter verteidigen können, wenn wir einerseits durch Bildung und Ausbildung weiter exzellentes Know-how in den Unternehmen aufrechterhalten können und andererseits signifikante Produktivitätssteigerungen realisieren können. Dies kann an folgendem Beispiel illustriert werden: Um das jetzige Wohlstandsniveau bis ins Jahr 2050 zu bewahren, müßte jeder Arbeitnehmer seine Produktivität um 250% steigern; wenn es darum geht das Wohlstandsniveau auch weiterhin wie in den letzten Jahrzehnten zu verbessern, dann ist sogar eine 500% Steigerung der Arbeitsproduktivität notwendig. Diese gewaltigen Steigerungen lassen sich nur durch massiven Einsatz und Verwendung von moderner IT Infrastruktur und Anwendungen bewältigen. Bereits heute ist ca. ein Drittel des BSP-Wachstums IT-getrieben. Genau hier setzt unsere Initiative DNAdigital an, da sie direkt die zukünftigen Arbeitsprozesse in einer digitalen Geschäftswelt adressiert.
Mittendrin: das Nationale Bild
In drei grundlegenden Feldern muss sich der Standort messen lassen: ökonomische, soziale und technologische Bedingungen.#RF Wir sollten ein 4. Feld, ökologische Themen, nicht außer acht lassen. Ein schonender Umfang mit Ressourcen entwickelt sich für Konsumenten zur notwendigen Bedingung für ihre Kaufentscheidung.
#TR Gerade im ökologischen Umfeld liegen große Chancen für Deutschland, sowohl möglichst effizient mit Ressourcen umzugehen, aber vorallem auch bei der Entwicklung neuer Technologien und Produkte. Viele Märkte sind durch die neuen ökoloigschen Rahmenbedingungen im Umbruch, daraus entstehen die Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle und Technologien. Beispiele sind hier die flexible Steuerung aller elektrischen Verbraucher oder der Heizung im Haus, entweder im Haus oder aber auch von unerwegs. Aber auch bei der Erzeugung regenerativer Energien (Solar, Wind, Wasser) nehmen wir bereits eine starke Rolle ein. Speziell für die Automobilindustrie und deren Zulieferer wird eine zügige Serienreife von alternativen Antriebskonzepten als Ergänzung zu Verbrennungsmotoren entscheidend sein.
#TM Da stimme ich zu. Was über viele Jahre schief angesehen wurde, kann uns jetzt helfen, wieder eine der führenden Wirtschaftsnationen zu werden. Das umweltbewusste Wirtschaften ist ein Pfund, mit dem wir international wuchern können. Dazu kommt das steigende Interesse der Konsumenten an Qualität und umweltverträglicher Produktion dessen, was er gekauft hat.
Ökonomische Bedingungen
Standort: PLUS
#MD Unser Land hat deutliche Wettbewerbsvorteile, der erste Schritt muss es sein, diese zu nutzen und auszubauen.
#RF Richtig, Deutschland hat enorme wirtschaftliche Stärken, die der ITK-Branche und damit auch der weiteren Entwicklung des Internet zugute kommen:
- Laut World Economics Forum Global Competitiveness Report 2008-2009 ist Deutschland weltweit die Nr. 3 bei der Qualität von Infrastruktur (dies bezieht sich nicht ausschließlich auf Telekommunikationsinfrastruktur)
- Bei öffentlich geförderten Forschungsprojekten – von denen Web 2.0-Applikationen profitieren könnten - belegt Deutschland weltweit den 3. Platz (Bundeswirtschaftsbericht - Percentage of GBP for R&D ; 1-Finland, 2-Japan)
- Deutschland hat immer noch eine signifikant hohe Patentrate
- Deutschland gehört immer noch zu den Nettozahlern aller Weltwirtschaftsvereinigungen
- Deutschland besitzt die Fähigkeit, flexible, wettbewerbsstarke Strukturen zu schaffen. Als bestes Beispiel hierfür sei die Öffnung des Telekommunikationsmarktes genannt, die einen funktionierenden Wettbewerb und für die Verbraucher erhebliche Preissenkungen nach sich gezogen hat.
#TM Leider haben wir aber bei vielen der genannten Parameter eine fallende Tendenz. In ein paar Jahren werden wir deutlich hinter viele Länder zurückgefallen sein, wenn wir nicht weiter massiv gegensteuern. Es ist bedauerlich, dass das Wort Reform bei vielen immer noch Abwehrreaktionen hervorruft.
#TR Sicherlich haben wir in einigen Bereichen eine starke Position, die sich aber vorallen aus einem historischen Vorsprung begründen. M.E. ist es nach vorne hin gerichtet wichtig, diese Stärken weiter zu bewahren bzw auszubauen. Andererseits gilt es aber vorallem an den Schwächen zu arbeiten. Im gleichen Bericht des WEF wird auch bescheinigt, dass Deutschland vorallem bei der Verfügbarkeit und Nutzung von ICT im öffentlichen Bereich (also eGovernment) nur einen 27. bzw 38. Platz einnimmt. Hier besteht also noch großer Bedarf für effizientere und schnellere Prozesse unter den öffentlichen Einrichtungen und Behörden aber auch in Richtung der Bürger. Auch bei der privaten Nutzung von TK und Internet Diensten besteht Nachholbedarf (hier nehmen wir Platz 21 ein). Obwohl wir in Deutschland mit dem Ausbau von DSL massiv zu anderen Industrieländern aufgeholt haben, besteht weiterhin ein großer Abstand bei Hochgeschwindigkeits-BB-Anschlüssen (vgl. Skandinavien, Korea, etc) und den damit möglichen innovativen neuen Anwendungen (vorallem Video-basiert).
#MD Ist es nicht so, daß neue Technologien erst dann Aufmerksamkeit in den Vorstandsetagen erreichen, wenn sie "große Zahlen" vorweisen können? Innovationen fangen doch immer klein an, aber heutzutage schaffen es einige innerhalb weniger Jahre zum weltweiten, nachhaltigen Erfolg. Sind Vorstände vielleicht sogar damit überfordert?
#RF Meine Erfahrung in der ITK-Branche ist eine andere: Neue Technologien, mit denen sich neue Marktchancen erschließen lassen, genießen hohe Aufmerksamkeit. Außerdem: Wenn nicht gerade riesige Infrastrukturprojekte anstehen, was in entwickelten Märkten selten der Fall ist, verteilen sich die Umsätze auf viele Kunden und viele Projekte – die Aufmerksamkeit gilt deshalb nicht nur den großen Kunden.
#TM Ich glaube auch, dass man die Vorstandsetagen nicht unterschätzen sollte. Die Erfahrung der letzten Jahre, dass neue Technologien innerhalb weniger Jahre ganze Volkswirtschaften umkrempeln können, hat viele hellhörig gemacht. Man schaut genau, wenn eine neue Technologie auftaucht und steigt eher zu früh, als zu spät ein. Hier sehe ich auch eine ganz wichtige Funktion für die Digital Natives: die frühzeitige Vermittlung von Trends, von Visionen. Das Querdenken, was eigentlich alles machbar ist mit den neuen Technologien. Das Umsetzen, das Skalieren, das Internationalisieren, das ist dann die Aufgabe der großen Organisationen.
#TR Die Dynamik mit der sich neue Technologien im Markt etablieren hat massiv zugenommen. Wenn man die Zeitdauer bis zur Massenmarktetablierung von Telefon, TV, Mobiltelefon, Internet, mp3 Player etc anschaut stellt man eine enorme Beschleunigung fest. Jede dieser Entwicklungen stellt eine Chance aber eventuell auch eine Bedrohung dar für einen bestehenden Markt bzw ein darin agierendes Unternehmen. Man muss also sehr sorgfältig diese Trends beobachten und dann im richtigen Moment eine Entscheidung treffen, wie man damit umgeht. Der frühere Intel-CEO Andy Grove hat dies anhand des Beispiels seiner Firma in dem Buch "Only the paranoid survive" sehr eindrücklich beschrieben. Hier bietet sich für kleine Unternehmen die Chance, sich rechtzeitig einen solchen Trend zunutze zu machen. Ein Vorteil in der Software-Branche ist es, dass der Kapitaleinsatz in der Regel moderat ist und es mehr auf die innovative Idee ankommt, was vorallem kleinen Firmen und auch Start-ups zugute kommt. Aber auch für große Firmen ist Innovation nicht nur im Kerngeschäft eine Voraussetzung um anhaltendes Wachstum zu generieren. Hier bieten sich verschiedene Modelle an, vom internen Incubator bis hin zu offenen Web 2.0 gestützten
#AB @MD Die Aufmerksamkeit für Neues in den Vorstandsetagen ist in der Tat ein Problem, ein bisschen mehr Mut wäre hier wünschenswert. Trotzdem sind Zahlen auch bei unvollständigen Informationen hilfreich: man muss nicht raten, wo man investiert. Vielleicht kann durch Open Innovation und Web 2.0 genau diese Lücke geschlossen werden: Usability-Tests mit kleinen Communities können zeigen, was funktioniert. Und wer lernt, zuzuhören, bekommt auch qualitative Tipps. Allerdings haben unsere Interviews mit Agenturleitern und Projektmanagern ergeben, dass Usability-Tests in Early-Adopter-Communities selbst in Internetprojekten noch nicht sehr verbreitet sind. Argument ist meistens, die Kunden seien nicht bereit, das zu bezahlen. Ich sehe da aber neuerdings Trends in die richtige Richtung.
Standort: MINUS
-> Stichwort: komplexe Regularien und Strukturen, die nur schwer anzupassen sind
#TR Diesen Punkt sehe ich wirklich als eines der großen limitierenden Faktoren in Deutschland. Mit unserem Hang zu Festlegung aller Prozesse bis zur Perfektion haben wir uns in ein Korsett gezwungen, welches viele Vorgänge stark verlangsamt und erschwert. Wenn man einmal bedenkt, wie lange es in Deutschland dauert und welche Hürden zu nehmen sind, um eine Firma zu gründen dann wird die Problematik augenscheinlich. Dh. der Bedarf and schnellen und einfachen Prozessen ist größer denn je. Dieser Punkt wird auch noch einmal durch De
-> Stichwort: Hierarchie: klassische Top-Down Strukturen treffen auf digitale Button Up Prozesse
#TR Ich denke in Deutschland sind Unternehmen auch nicht stärker hierarchisch strukturiert als in den meisten anderen Ländern. Nicht alles was zunächst basisdemokratisch aussieht ist es dann in Wirklichkeit auch. Die Problematik des Top-down vs Buttom-up Konflikts scheint mir eher genereller Natur zu sein. Firmen welchen es gelingt, die Brücke zu schlagen und Erfahrung einerseits mit neuen innovativen Ideen und Ansätzen zu kombinieren, werden daraus Vorteile erzielen und Erfolg haben. Dies ist ja auch einer unserer zentralen Ziele der DNAdigital Initiative, hier als Brückenbauer zu agieren und das beste beider Welten miteinander zu verbinden.
#TM Ich glaube auch, dass es nur noch sehr wenige Unternehmen gibt, deren Organisation sklavisch über mehrere harte Hierarchieebenen geregelt wird. Gerade in unserer Branche organisieren sich Unternehmen doch schon meist eher flach in wechselnden Teams. Viele Entscheider auch in größeren Unternehmen, wurden in der Zeit der New Economy der Jahrtausendwende beruflich sozialisiert; vieles von dem, was die Digital Natives heute als neu von ihnen geprägt erleben, gab es ja damals auch schon.
-> Stichwort: Marketing
#MD Man darf eines nicht vergessen - viele deutsche Erfolge wachsen im Stillen. Marketing liegt offenbar nicht in unserer Natur. Der Weltruhm des mp3 Standards zur Digitalisierung und Verbreitung von Musik startete nicht in Deutschland, obwohl er hier erfunden wurde - und ist nur eines von ungezählten Beispielen.
Bei uns wird lieber angezweifelt, Kritikpunkte werden immer wieder gewälzt, Kleinigkeiten breit diskutiert und überhaupt alles unternommen, um nicht das Positive und Visionäre zu betonen. Überhaupt das Wort Vision, es hat einen seltsamen Klang in deutschen Ohren. Sobald eine Erfindung Spaß verspricht, löst sie eine fast gemeinschaftliche Anti- Reaktion aus: das kann doch nichts werden! Die Propheten werden im eigenen Land nicht geliebt. Vielleicht muss man nirgends so sehr um Anerkennung kämpfen, wie bei uns. Das ist nicht unbedingt eine gute Vorraussetzung für lust- betontes, emotionales Marketing.
So darf es nicht verwundern, daß selbst wenn dem Marketing einmal Aufmerksamkeit geschenkt wird, die Betonung auf unangreifbare technische Daten und Wunderwerke der Ingenieurszunft liegt.
#AB Habe auch lange mit den Zweiflern gehadert. Sie können aber sogar hilfreich sein, wenn das Management die "Publish, then filter"-Maxime (Clay Shirky) von Web 2.0 auf die Projekte im eigenen Haus überträgt und sicher stellt, dass die Visionäre schon mal loslegen können, während die Zweifler noch diskutieren. Die Erfahrung zeigt, dass dann nach kurzem Resultate vorliegen, über die konstruktiv gestritten werden kann. Leider wird immer noch zu oft gar nicht erst begonnen.
#TR Beim Marketing und auch bei der Vermarktung können wir sicherlich noch ein ganzes Stück zulegen. Der Geschäftsführer einer mittelständischen Firma hat dazu einmal einen Vortrag zum Standort Deutschland unter das Motto "Wissensgiganten und Umsetzungszwerge" gestellt. Ich finde das trifft es ganz gut und die oben angeführten Beispiele wie die mp3-Technologie sind ein guter Beleg dafür.
Soziale Bedingungen
Standort: PLUS
-> Stichwort: starke Vorteile durch die Struktur der sozialen Marktwirtschaft und die damit verbundene Kultur der MItbestimmung und Einbindung vieler gesellschaftlicher Schichten
-> Stichwort: demokratische Streitkultur
-> Stichwort: Vorteile beim Wetter
#MD Lachen Sie nicht. Das vorteilhafte Wetter ist nicht zu unterschätzen. Aktuelle Studien bei der Nutzung des Internet können auch als Wetterfront interpretiert werden. Im kühlen Norden ist die Internetnutzung deutlich höher, als im sonnigen Süden.
Die Nutzung neuer Technologien ist wiederum ein wichtige Vorraussetzung für das Interesse am Thema Hightech und die Entwicklung neuer Anwendungen. Auch in einer globalen Welt hat ein starker Binnenmarkt nichts an Bedeutung verloren und genau hier begünstigt uns die Natur.
#TM Na ja, so großartig ist unser Wetter ja auch nicht. Beim sehr wichtigen Thema Zuwanderung von Hochqualifizierten fällt uns das eher auf die Füße. Bilder vom deutschen Winter hinterlassen bei vielen asiatischen Studenten einen anderen Eindruck, als die aus dem sonnigen Kalifornien.
#RF Trotz der aktuellen Wirtschaftskrise: Deutschland steht auf der Sonnenseite des Lebens. Wir sollten uns nur einmal vergegenwärtigen: Es ist immer noch eine der großen Herausforderungen unserer Zeit, alle Menschen an den natürlichen Ressourcen wie Trinkwasser, Luft und Energie teilhaben zu lassen.
Die Armutsschwelle berechnet sich u.a. immer noch nach der Entfernung zum nächsten Trinkwasser-Zugang und nicht nach der Übertragungsrate des Internetanschlusses.
#TM Deutschland hat immer die soziale – und nicht die freie – Marktwirtschaft vertreten. Genau darin sehe ich auch eine große Chance. Die in Deutschland weit verbreiteten mittelständischen Unternehmerwerte können uns weiterhelfen in einer Zeit, in der weltweit Unternehmen ihr Handeln und ihre Werte neu definieren müssen.
Standort: MINUS
-> Stichwort: Bildung / Schulen#MD Ich kann den Eindruck nicht verdrängen, daß die Lehrer das Problem sind. Während Schüler unvoreingenommen alle nutzen, was sie „in die Hände kriegen“, haben die meisten Lehrer nur wenig Ahnung oder überhaupt Motivation, mit digitalen Technologien zu arbeiten. Im Internet liegt das Wissen der Welt, wer dieses im Unterricht nicht einsetzt, hat seinen Beruf verfehlt.
#TM Auch wenn ich kein Freund pauschaler Urteile bin: leider erlebe ich sehr viele Lehrer, die seit zwanzig oder dreißig Jahren ihre Technikfeindlichkeit kultivieren und aus ihrer technologischen Inkompetenz die generelle Untauglichkeit von Internet und Computer für den Schuleinsatz ableiten. Für mich ein Generationenproblem, allerdings eines mit weit reichenden Konsequenzen. Noch immer gelingt es dem deutschen Schulsystem, Mädchen weitgehend aus den mathematisch-naturwissenschaftlichen Schulfächern zu drängen. Der Physik-Leistungskurs bleibt eine Jungendomäne. Warum eigentlich? Wir verschenken hier seit Jahrzehnten ein ungeheures Potenzial. Übrigens waren ja auch bei den Treffen der Digital Natives drei Viertel Männer.
-> Stichwort: Betriebsrat - Anpassung des Betriebsverfahrensgesetztes dringend notwendig.
#MD Ganz unabhängig von Technologien, zählen die ökonomisch relevanten sozialen Stärken Deutschlands zu den wichtigsten Ressourcen. Z.B. die Erfahrungen der sozialen Marktwirtschaft. Der faire und offene Umgang miteinander, wie ihn die neuen Technologien fordern, wird in den Unternehmen dank der Regeln zur sozialen Marktwirtschaft schon seit langem gelebt. Nun kommt es darauf an, diese zu modernisieren. Deshalb steht der "Betriebsrat", als demokratische Institution im Unternehmen, aber leider oft genug auch als Bremser beim Einsatz neues Technologien, sowohl auf der Positiv-, als auch auf der Negativseite. Positiv sind z.B. die gelernten Strukturen der Mitarbeiterbeteiligung.
#TR Hier kommt langsam Bewegung herein und die Betriebsräte erkennen auch die Chancen in neuen Arbeitsmethoden und -prozessen. Die Frage ist nur: geht das schnell und auch weit genug, oder brauchen wir noch eine zusätzliche Beschleunigung?
#TM Meiner Ansicht nach dominiert auf Seiten der Gewerkschaften leider noch die Betonfraktion. Immer wenn man auf einen aufgeschlossenen Betriebsrat trifft, folgen drei andere mit Vorstellungen aus den siebziger Jahren. Vielleicht ist auch das ein Generationenproblem. Ich glaube aber, dass für die meisten Unternehmen das komplizierte deutsche Arbeitsrecht und das arbeitnehmerfreundliche Betriebsverfassungsgesetz bisweilen lästig, aber kein erfolgskritisches Hindernis ist.
-> Stichwort: Das Tempo der Veränderung ist insgesamt zu langsam.
-> Stichwort: Wir sind noch nicht einmal "Fast Follower", geschweige denn echte Innovatoren.
#MD Auch die Digital Natives müssen sich Kritikpunkte gefallen lassen. Warum kommen so wenige Innovationen aus Deutschland? Wir sind mitlerweile international dafür bekannt, US-Vorbilder zu kopieren, um die Unternehmen dann an diese zu verkaufen. Oder liegt es eben am Standort, an der schlechten Infrastruktur für Unternehmensgründungen?
#TM Auch hier sollten wir durchaus selbstkritisch sein. Unsere Schulen und Universitäten bilden keine Unternehmer aus, sondern leitende Angestellte. Als ich 1994 die Universität verließ, war der Traumjob der meisten Kommilitonen der Entwicklungsingenieur bei Siemens oder der damaligen Bundespost. Ich selbst habe auch nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, mich selbstständig zu machen. Das war überhaupt kein Thema. Ich bezweifle, dass heute allzuviele Studenten da anders ticken. Von Investoren höre ich immer wieder, dass Geld durchaus da sei, aber keine überzeugenden, ausreichend skalierbaren Geschäftsideen.
-> Stichwort: Unsere Mentalität ist nicht mit der neuen Internetkultur kompatibel, vor allem denken wir zu sehr wie Ingenieure. Alles muss immer perfekt sein, aber das dauert in den Märkten oft zu lange. Wir Deutschen sind eher Risikoscheu, der Begriff der "German Angst" hat sich dafür bereits im Ausland eingebürgert
#MD Die Webkultur wird von der 80:20 Regel beherrscht. Die besagt, daß man mit 20% der Energie, 80% des Problems lösen kann, aber 80% der Energie benötigt, um die restlichen 20% zu schaffen. Im Internet werden die letzten 20% oft durch die Nutzer „überarbeitet“, daß spart Zeit & Geld und ist der Garant für Angebote, wie die Kunden sie wünschen.
Dagegen steht das Bild des deutschen Ingenieurs, der seine Arbeit erst zeigt, wenn sie zu 100% wasserdicht ist.
#RF Hier sehe ich die Dinge etwas anders: die Ingenieursausbildung in Deutschland ist hervorragend, unsere Ingenieure – gerade auch im Bereich der Nachrichtentechnik, Elektrotechnik und Physik - genießen weltweit einen guten Ruf. Sie bauen die Infrastruktur für die Netze von morgen – und legen damit die Grundlage dafür, dass wir auf neue Art und Weise kommunizieren können. Nach meiner Erfahrung sind Entwickler und Techniker in großen Unternehmen oft die ersten und eifrigsten Web 2.0-Nutzer. Sharepoints und Wikis sind dort selbstverständliche Plattformen, gerade in internationalen Teams.
Ja, vielleicht haben Ingenieure eine Neigung zum Perfektionismus. Das finde ich tolerabel, im Gegensatz zu Kompromissen bei der Produktqualität. Denn Schnelligkeit darf nicht auf Kosten der Qualität gehen. Es muss zwar nicht alles perfekt sein, aber das meiste schon! Die Bremsen eines Autos sollten perfekt sein, eine Herz-Lungenmaschine sollte perfekt sein, das Unternehmen mit dem ich Geschäfte mache, sollte perfekt sein, die Übertragungsqualität und Bandbreite im Internet sollte perfekt sein ... Unternehmen, die nicht auf Qualität setzen, werden es in entwickelten Märkten schwer haben.
Ja, unsere Innovationsprozesse und die Vermarktung müssen schneller werden. Das wird uns durch „Open Innovation“-Konzepte letztlich auch gelingen.
Ich betrachte unsere Nation auch nicht als risikoscheu. Die Wiedervereinigung haben wir als Riesenchance begriffen, die Risiken in Kauf genommen. Forscher, Ingenieure, Künstler, Sportler, Politiker und andere Menschen erbringen immer wieder Weltklasseleistungen. Nach meiner festen Überzeugung können das nur risikofreudige Menschen, die ihre persönlichen Grenzen überschreiten.
Technologische Bedingungen
Standort: PLUS / MINUS
-> Stichwort: technologische Offenheit / digitale Spaltung
#MD Hier scheiden sich wohl die Geister. Aus Sicht der Digital Natives sieht man von technologischer Offenheit keine Spur. Im Gegenteil hat man oft das Gefühl, daß Technologie in Deutschland abwartend bis feindlich gesehen wird. Vielleicht sind nur die kritischen Stimmen lauter, als andere, vielleicht berichten die klassischen Medien einfach voreingenommen. Aber die Erfahrung sagt, daß man dicke Bretter bohren muss, um Interesse oder gar Begeisterung für neue Technologien hervorzurufen. Das ändert sich langsam, aber eben langsam.
Zur gleichen Zeit scheint die digitale Spaltung unseres Landes immer weiter und bedrohlicher voranzuschreiten. Auf der einen Seite die intensive tägliche Nutzer vieler digitaler Technologien, aber der anderen Seite eine unfreiwilllige oder selbstgewählte digitale Abstinenz.
#TM Ich bin da gar nicht einmal so pessimistisch. Die Deutschen sind – was neue Technologien angeht – sicherlich Late Follower. Aber irgendwann nutzen sie sie in Massen. Das ist bei Mobiltelefonen so, das ist bei Online-Auktionen so, das ist auch bei Social Media so. Und das geht dann durch alle demographischen Schichten.
Standort: MINUS
-> Stichwort: Preise für Breitband
-> Stichwort: Infrastruktur / neue Breitbandnetze; symmetrisch, mobil und fixed (Festnetz?)
#RF Die Breitbandversorgung muß sich in der Fläche weiter verbessern. Darüber besteht in Politik und ITK-Wirtschaft Einigkeit. Im Rahmen des zweiten Konjunkturprogramms will die Bundesregierung den Breitbandausbau massiv vorantreiben und hat dafür ehrgeizige Ziele formuliert. Klar ist, dass alle Beteiligten zusammenwirken müssen, Netzausrüster, Netzbetreiber, Kommunen. Aufgabe der Netzausrüster ist es, für die jeweils vorhandene Infrastruktur die kostengünstigste Lösung vorzuschlagen. Das ist häufig eine Kombination von Glasfaser und Funktechnologien. Trotzdem kostet die Breitbandanbindung auf dem Land das Dreifache, und amortisiert sich aus Sicht mancher Netzbetreiber (zu) spät. Kommunale Hilfen und Eigenleistungen der Bürger können Entlastung bringen. Dito eine Zusammenarbeit von kommunalen Versorgern (z.B. Stadtwerken) und Service Providern.
Hier sind neue Geschäftsmodelle auf dem Vormarsch, Stichwort Open Access. Auch die Netzbetreiber wollen nun bei der Erschließung „weißer Flecken“ zusammenarbeiten. Dennoch: Falls sich der Business Case anders nicht rechnet, müssen ländliche Nutzer möglicherweise einen höheren Preis für den schnellen Internetzugang zahlen als städtische Nutzer.
-> Stichwort: Ausbildung IT - Wissen und Können der Lehrer hängt oft genug hinter dem der Schüler zurück
#RF Die technische Ausbildung im Bereich IT halte ich insgesamt für gut. Die jüngsten Entwicklungen an den Excellence Universities zeigen in die richtige Richtung. Nachholbedarf besteht hingegen bei den Kommunikationsfähigkeiten. Wir müssen lernen, uns klarer mitzuteilen, besser zu präsentieren, mehr zuzuhören, und bei alldem interkulturelle Kompetenzen entwickeln, um effizient in globalen Teams arbeiten zu können. Auch in diesem Bereich können Digital Natives Vorreiter für andere sein.
#TM Ich bin da weniger euphorisch: wir brauchen viel mehr naturwissenschaftlichen Unterricht in den Schulen, damit wir mehr Studenten in diese Fächern bekommen. Dazu brauchen wir auch eine Lehrerfortbildung mit ganz neuen Schwerpunkten. Und wir müssen die Studiengänge weiterhin konsequent an den Anforderungen des Arbeitsmarktes ausrichten. Der Bologna-Prozess ist da sehr hilfreich. Schließlich gehen 90% der Absolventen in die Wirtschaft, nur 10% wählen die akademische Laufbahn.
Nachtrag
Verehrte Leser: die Diskussion geht weiter! Besuchen Sie unser Wiki: http://www.dnadigital.de/networks/wiki/index.Standort_DeutschlandLetzte Änderung von Michael Domsalla am 30.01.2009 um 11:51
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