"Tamim Swaid":
Titel: Vernetzung für mehr digitalen Handlungsspielraum
...Es geht meiner Ansicht nach um Vernetzung und mehr Dialog der aber nicht zweckfrei ist. Es sollten neue Handlungsspielräume erschlossen werden. Daher bin ich fuer ein neues Leitmotiv der “Schaffung digitaler Handlungsspielraeme”. Und hier steht beides gleichberechtigt “Handlungsraum” und “Spielraum” beides auch in wahrem Wortsinne.
Tamim, Dein Vorschlag sich auf die (möglichen/wünschenswerten/notwendigen) Handlungsspielräume zu fokussieren statt auf das Trennende gefällt mir gut. Ich möchte diesen Vorschlag gern unterstützen und weiterentwickeln.
Es ging dem IT-Gipfel der Bundesregierung soweit ich weiß, ebenfalls um die Schaffung der richtigen Handlungsspielräume, damit Deutschland als Gesellschaft, von den rasanten Entwicklungen der IT und den sich daraus ergebene enormen Chancen profitieren kann. Welche Rahmenbedingungen müssten wir schaffen, um für die Zukunft gerüstet zu sein und eine wünschenswerte Zukunft überhaupt erst zu ermöglichen? Welche bestehenden Regeln und Gesetze, Ansichten und Bestimmungen müssen wir hinterfragen, weil sie in der Zukunft in der heutigen Form keinen Platz mehr haben?
Ein Beispiel verdeutlicht, was ich meine: Die Welt steht vor einer Reihe globaler Herausforderungen wie Global Warming, AIDS und Energieknappheit. Gleichzeitig erleben wir eine massive Beschleunigung von Innovationsprozessen durch die weltweite Kollaboration und den freuen Zugang zu Wissen in einem nie da gewesenen Umfang. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass wir zahllose Innovationen sehen werden, Motoren effizienter zu machen, Abgase zu filtern, neue saubere Energiequellen zu entwickeln etc. Doch es wird vermutlich eine Unmenge an "Green Technology" Patenten geben, die die Nutzung dieser Technologie einschränken.
Es stellt sich somit die Frage, kann die Gesellschaft sich erlauben, den "Super-Green-Energiespar-Motor ohne Abgase" zu patentieren und damit zu monopolisieren? Oder müssten wir diese Innovation nicht freigeben und umgehend in allen Industrie- und Entwicklungsländern zum Standard machen? Müssen wir nicht eine andere Art und Weise entwickeln als das bestehende Patentrecht, um die Erfinder angemessen zu belohnen? Ist unser Patentrecht denn überhaupt zukunftsfähig?
Ein anderes Beispiel ist die Grenze zwischen Beruf und Privatleben. Für Industriearbeiter war es noch vergleichsweise leicht, zwischen Arbeit und Freizeit zu unterscheiden. Die Grenze wurde von der Stempeluhr markiert. Eine Vermischung dieser beiden Welten war verpönt.
Als Wissensarbeiter erscheint diese Grenze in Unkenntlichkeit zu verschwimmen. Es gibt keine Stempeluhren mehr. Wissen fließt über unsere persönlichen sozialen Netzwerke - unabhängig ob es Freunde, Kollegen, Geschäftspartner oder beides sind. Ich lerne in jedem Gespräch etwas, egal of beruflich oder privat, das mich als Person verändert. Meine Überzeugen und kreativen Fähigkeiten kümmern sich nicht um die Frage, ob meine kleine Nicht mich beim Spielen per Zufall auf eine neue Idee gebracht hat. Ich habe nur ein Bewusstsein und kann nicht stempeln gehen und damit in ein neues Bewusstsein umschalten. Ich bin halt nicht schizophren. Doch was bedeutet das für unsere Arbeitsgesetze und Regeln am Arbeitsplatz. Wenn Privates und Berufliches sich zwangsläufig überlagern, wann arbeitet ich denn dann im rechtlichen Sinne und wann nicht? Ist es überhaupt legitim, dass mir meine Arbeit auch noch Spaß macht, da ich mit Freunden zu tun habe? Oder ist das verwerflich, da ich persönliche Vorteile daraus ziehe?
Ein drittes Beispiel ist unsere Vorstellung von einem Arbeitsplatz. Unsere Gesellschaft ist voll uns ganz auf Festanstellungen als Inbegriff des vollwertigen Arbeitsplatzes ausgelegt. Freiberufliche Tätigkeit, Zeitverträge, Teilzeit etc. gilt als (eher bedauerliche) Abweichung von der Norm. Es schmeckt halt irgendwie nach einem "gebrochenen Lebenslauf" (übrigens ein Begriff den es angeblich nur in Deutschland gibt). Doch in einer zunehmend komplexen und dynamischen Welt werden Mitatbeiter mit einer Festanstellung und ein und demselben Job über viele Jahre den Kollegen mit vielen Projekterfahrungen in unterschiedlichen Kontexten und verschiedenen Firmen deutlich unterlegen sein. Sie sind weniger erfahren, flexibel und vernetzt, wie eine Studie an der TU Dortmund von Dr. Rüdiger Klatt eindrucksvoll belegt.
Müssen wir also unsere Vorstellung von dem idealen Arbeitsplatz ändern und damit auch die Ausrichtung unserer Institutionen und Programme für die Ausbildung und den Arbeitsmarkt.
Um den Diskurs mit der Politik zu ermöglichen, würde ich daher gern versuchen, eine Reihe von kurzen und konkreten Thesen heraus zu arbeiten, die von zukünftigen Rahmenbedingungen erfüllt werden sollten. Was meint Ihr? Wird da ein Schuh draus? Wer hat Interesse mitzumachen?
Ciao
Sören