Wie werden Menschen mit Hilfe der Web2.0-Werkzeugen künftig gesellschaftliche Entscheidungsprozesse mitgestalten? Und welche Rolle spielt dabei die politische Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten?
DNA_Digital (Moritz Avenarius, Frank Hamm, Hendrik Heuermann, Alex Kahl und Ulrike Reinhard, sowie verstärkt durch Prof. Kruse) diskutierte am Montag den 10.08. im Rahmen des Reboot_D Buchprojektes darüber mit der Redaktion des ZDF heute-journals.
Claus Kleber ist ein Mensch der sehr präsent auftritt. Direkter Augenkontakt, fester Händedruck, freundlich und professionell. „Moritz, Hendrik, Frank und Alexander“ wiederholt er unmittelbar unsere Namen bei der Begrüßung. Kurz darauf treffen Ulrike und Prof. Kruse ein. Claus Kleber verschwindet noch einmal in den ZDF-Rundbögen, hektische Betriebsamkeit auf den Redaktionsgängen, welche im Kontrast jenen etwas behäbigen Charme der 80ziger Jahre ausatmen. Ein Moment des innehalten für uns am großen Konferenztisch – und dann sind alle an Bord: Neben Kleber ist Co-Moderatorin Dunja Hayali mit dabei, dazu der stellvertretende Redaktionsleiter Thomas Heinrich sowie der hauseigene Graphiker Jochen Spieß, der sich in der Diskussion doch stark zurückhält.
Unsere Gesprächszeit ist knapp bemessen, eine gute Stunde haben wir wohl, mehr nicht. Herr Kleber erläutert die Situation, der heutige Tag biete keine klare Nachrichtenlage. „Im Prinzip können sie alles als Tagesaufmacher nehmen, Terroranschlag, Schweinegrippe, etc., da ist letztlich nichts richtig oder falsch zu machen.“ Offenbar erzeugt diese diffuse Relevanz-Nebelwand jedoch beträchtliche Unruhe. Statt einer kleinen Vorstellungsrunde – erneuter Blick zur Wanduhr hinter uns – kommen wir also gleich zu Sache. Stichwort Komplexität reduzieren, bitte. Oder was ist nun genau unser Thema heute: Web2.0, Vernetzung, Neue Medien, warum weshalb wieso – und wozu.
Prof. Kruse bringt aus seinem breiten Erfahrungswissen die ersten Impulse und streut kompakte Informationsbits. Eine lebhafte Diskussion entfaltet sich zwischen den Anwesenden, in der konkrete Beispiele über die unerwarteten Auswirkungen und Ausschläge des Netzes auf die Lebenswelten der Menschen erste Ankerpunkte bilden. Etwa die Facebook-Flashmob-Party auf Sylt und die anschließenden Strandreinigungsrechnung, der tragische Tod der jungen Neda bei den Protesten im Iran oder die aktuellen Entwicklungen bei den Online-Petitionen des Bundestages. Und dann die Frage, wo steht Deutschland heute – vor allem mit Blick auf die Entwicklungen in den USA. Prof. Kruse vergleicht die Menschen hier im Lande mit Asbestplatten, „... schwer nur entflammbar durch diese Hype-Maschinerie, die in Amerika schnell entsteht. Wir Deutschen sind Sinn-Suchende, die nach klarer Einordnung der Dinge streben.“ Daher ist für ihn Deutschland derzeit das viel spannendere Entwicklungsland in Sachen Web2.0. Denn hier könnte entstehen, was dem kollektiven Netz noch fehlt, um intelligent zu entscheiden: Die relevanten Bewertungsmaßstäbe.
Dunja Hayali greift den Punkt sogleich auf, denn „... wie können wir jetzt das Internet nutzen, um unsere Entscheidungsfindung für den Tagesaufmacher gleich im Anschluss zu unterstützen?“ Zum Greifen klar ist in dem Moment Offenheit und Neugierde sich auf die neuen Medien einzulassen. Und gleichzeitig herrscht große Ratlosigkeit, wie und wo anfangen. Unisono kommt von uns allen zurück, man muss die Werkzeuge und Arbeitsweisen des Web2.0 selbst anwenden und leben, um mit dem großen Netz draußen jenseits der eigenen Mauern sinnvoll arbeiten zu können. Etwa Live-Twitter-Kommentare erlauben, wenn sich der Chefredakteur übers Intranet per Video-Ansprache an die Mitarbeiter wendet. Oder Entscheidungsprozesse in den Redaktionskonferenzen transparenter machen. Neue Organisationsstrukturen entstehen jedoch nicht über Nacht und das eigene virtuelle Referenznetz für solche Anfragen braucht Zeit und Pflege wie ein Garten.
„Das wird nur funktionieren, wenn demnächst mal wieder König Fußball das Nachrichtengeschäft regiert und die Redaktion zur Ruhe findet“ entfährt es Herrn Kleber mit einem leichten Seufzer. Der Blick zur Uhr, wir sind inzwischen schon über der vereinbarten Zeit – ein gutes Zeichen. In der Kürze ist bei allen im Raum viel Anregung und Inspiration aufgekommen, ein weiteres Treffen wird folgen. Beim Hinausgehen fällt mein Blick noch einmal auf das Modell der Apollo V im Büro von Claus Kleber. 'Unendliche Weiten ...' kommt mir in den Sinn; hier geht noch was.
Einen Audio-Rohmitschnitt des Gesprächs könnt Ihr hier hören: http://www.whoiswho.de/zdf.mp3
Basti Hirsch 11.08.2009 13:50
Das klingt doch interessant. Inwiefern werden andere Sender in Sachen Mediennutzung als Vorbild gesehen? Mir sind die Tweets auf CNN oder BBC-Berichte über Twitters Downtime inzwischen auch genug. Gleichzeitig gibt es da ein neuen Kanal den auch Quellen benutzen um direkt zu berichten. Die #iranelection-Aufbereitung von Andrew Sullivan und anderen könnte richtungsweisend sein.
ulrike reinhard 11.08.2009 14:06
Danke Moritz fier Deinen Blogpost! Gut getroffen!
Wir werden wahrscheinlich - neben einem weiteren Besuch - ein Interview mit Claud Kleber noch machen, das dann ins Buch kommt. Die Fragen haben sich aus unserem Gespraech ergeben.
Marcel Bernatz 11.08.2009 18:27
Sehr interessant finde ich vor allem die Anregung redaktionelle Entscheidungsprozesse transparenter zu machen. Ich habe allerdings nicht verstanden, ob das eher auf die innere Organisation oder die Außenwelt bezogen ist. Letzteres scheint mir aber wahrscheinlicher. Das wäre meiner Meinung nach ein Ansatz ein größeres Feingefühl in der Bewertung bestimmter Beiträge seitens des Konsumenten zu unterstützen und so die allseits beschworene Medienkompetenz(bildung) zu unterstützen. Vor allem für einen öffentlich-rechtlichen Sender, der ja einen Auftrag der Allgemeinheit gegenüber hat (wird ja auch von ihr finanziert). Dass die Umsetzung idealtypisch nicht funktionieren wird ist zwar abzusehen, aber der Versuch wäre ein Schritt in die richtige Richtung.
Jörn Hendrik Ast 11.08.2009 22:34
Cooles Posting Moritz! Klingt doch sehr spannend! Ich freue mich auf mehr!
:)
Frank Hamm 12.08.2009 07:20
Ich fand die Atmosphäre nach einem anfänglichen Abtasten von beiden Seiten sehr kreativ. Ich freue mich auch sehr, wenn ein zweiter Termin zustande kommt.
Vielen Dank Moritz, Du hast unser Gespräch und die Eindrücke sehr gut rübergebracht!
Markus Sowada 12.08.2009 10:42
Eigentlich wollte ich mir den Roh-Mitschnitt nur eben sichern, um ihn dann später anzuhören.

Ich habe ihn dann kurz angekickt, um zu hören, ob ich wirklich an die Quelle (will sagen die Datei) komme und konnte nicht mehr ausschalten. Schlußendlich habe ich zwar eine Stunde Arbeitszeit verloren, aber die hänge ich allzu gerne hinten dran. Das Gespräch ist unendlich interessant und liefert mir manche Konkretisierungen, für die ich ein diffuses Bauchgefühl hatte aber keine wirklich klaren Definitionen. Zusätzlich stossen alle Gesprächsteilnehmer an ganz verschiedenen Ecken Türen in Räume auf, die unendlich Lust auf mehr machen.
Alle Beteiligten und vor allem den Initiatoren dieses Gespräches möchte ich sehr danken für dieses konkrete Stück Motivation. Momentaufnahmen wie diese sind gerade in einem nicht immer lichten Web-Alltag unersetzlich. Vielen vielen Dank!
ulrike reinhard 12.08.2009 11:45
Das freut mich Markus!
So ein feedback macht Laune
Nicole Celikkesen 12.08.2009 13:12
Ich würde den Beitrag gerne etwas umgeändert/zusammengefasst auch in Xing in unseren DNAdigital-Bereich packen mit Link zum MP3. Finde, ist eine schöne Geschichte die zeigt, was DNAdigital so alles an tollen Projekten reißt.
.
Wenn was dagegen spricht, einfach melden
Moritz Avenarius 12.08.2009 13:26
Hallo Nicole,
sehr gerne! Spread the word. Setzt Du dann auch einen Link von hier zu Xing unc viceversa?
Grüße Moritz
Karsten Ehms 12.08.2009 14:51
Zunächst mal viele Dank an die Beteiligten für die Möglichkeit, bei diesem Gespräch zuhören zu können! Was mich besonders angeprochen hat, habe ich unter http://www.ehms.net/ "herausgeschrieben".
alex kahl 15.08.2009 00:13
Puha, da habe ich die Woche ganz verpennt, mich hier zu Wort zu melden. *hüstel*
Moritz, Du hast das Gespräch wirklich klasse wieder gegeben. Chapeau! Der Tag war wirklich einzigartig gehaltvoll, kreativ und hat mich zu einigen Gedanken angeregt.
Marcel:
Die Redaktionstransparenz bezieht sich sowohl auf die innere als auch die äußere Welt. So wie es im Gespräch rüberkam ist es auch mit dem Austausch und der Transparenz innerhalb des Senders noch nicht so gut bestellt.
Markus, vielen Dank für das Lob. Das macht auch uns Lust auf mehr.
Danke nochmal an Ulrike, für die Organisation des Gespräches, ich freue mich schon auf die Fortsetzung.
niels boeing 20.08.2009 19:19
Den Gedanken, Redaktionsentscheidungen nach außen "transparenter" zu machen, finde ich etwas seltsam, um nicht zu sagen, journalistisch zweifelhaft. Die Medien entwickeln sich schon seit längerem – vor dem Web 2.0 – dahingehend, Themen weniger nach ihrer Relevanz in einem journalistischen Koordinatensystem zu beurteilen, sondern mehr nach dem Interesse der Mediennutzer. Ein Trend hin zum kleinsten gemeinsamen Nenner an Aufmerksamkeit und Verständnis. Der würde durch ein derartiges Verständnis von "Transparenz" noch bestärkt. Ich erwarte z.B. vom ZDF keine Rechtfertigung, warum es ein bestimmtes Thema zum heute-Aufmacher macht. Ob ich selbst den relevant finde, tut nichts zur Sache.