
Ritalin. Ich hatte noch nie davon gehört. Wenn ich nicht den Beitrag im Spiegel Special "Generation Krisenkinder" gelesen hätte, wäre mir der Begriff vielleicht kommendes Semester an der Uni in der Lehrveranstaltung "Heilpädagogik" aufgefallen (oder auch nicht). Eigentlich hatte mich folgende Statistik aus einem Vortrag von Remo Largo (hier ein interessantes Welt-Interview mit ihm über zu hohen Leistungsdruck bei Kindern)dazu angeregt, über das Thema zu bloggen:
Verschreibung von Ritalin in Deutschland 1993-2007: +3590%
Wahnsinn.
Ritalin (Methylphenidat) gehört zu den Amphetamin-ähnlichen Substanzen, unterliegt dem Betäubungsmittelgesetzt und ist verschreibungspflichtig. Es wird hauptsächlich bei ADS-, ADHS, aber auch bei Schlaf-Wach-Störungen eingesetzt. Das sind die Fakten (aus Wikipedia und [werner.stangl]s arbeitsblätter).
Was eine Leistungsgesellschaft mit uns bzw. vor allem unseren Kindern macht, zeigt die oben erwähnte Statistik. Das ist nicht normal, sondern der übersteigerte Leistungswahn einer Gesellschaft, wo Kinder nicht mehr zappeln dürfen und Eltern überfordert sind. Ich möchte damit nicht sagen, das Ritalin nicht seine Berechtigung in der Medizin hat. Das kann ich nicht beurteilen. Ich glaube aber sehr wohl, dass die Diagnose ADS/ADHS heute schneller fällt als früher.
Das ist der eine Knüller. Jetzt der Zweite. Ritalin ist, was ich wie gesagt nicht wusste, eine Life-Style-Mode-Droge. Jugendliche und Studenten nehmen sie um konzentrierter und leistungsfähiger bei Prüfungen und im Job zu sein. Basti hat mir dazu heute einen Blogbeitrag aus der Schweiz geschickt (Danke Basti). Darin beschreibt Birgit Schmid ihren Selbstversuch mit der Mode-Pille. Auch Spiegel Autor Mathieu von Rohr ordert bei seinem "60 Stunden online" Beitrag Ritalin - auf Facebook. Ich habe die wissenschaftliche Diskussion bei Schmids Beitrag nicht verstanden und hatte an manch einer Stelle eher den Eindruck, die KommentatorInnen wollen der Wahrheit nicht ins Auge sehen. Um so lesenswerter die tiefgründigen Kommentare, z.B.
Manuel Kunz, der als Direktbetroffener von ADS über seine Erfahrungen in all den Ritalin-Jahren erzählt. Auch der Beitrag von Tanja Benedikt ist für mich treffend formuliert:
Wir sind Meister in der Symptombekämpfung, aber wir scheuen uns davor, den Ursachen auf den Grund zu gehen. Kann es wirklich sein, dass praktisch schon jedes Kind eine ADS-Diagnose bekommt, wenn es in der Schule nicht so tickt, wie man das gerne als Lehrer und Eltern hätte und dann, damit auch niemand einen grösseren Aufwand hat, mit Drogen vollpumpt? Die Kinder lernen heute in der Schule nicht mehr als früher, im Gegenteil. Aber sie sind definitiv schneller “verbraucht”.
oder Florian Brücher
... diejenigen, die sich hier fürchterlich über den kriminellen, unangebrachten Konsum von Ritalin beschweren, sollten sich eventuell mal auf einem Campus zur Klausurenzeit umsehen. Da muss man nicht in die oft genannten USA gehen, da muss man auch nicht an AD(H)S leiden. Da bedarf es lediglich einiger gestresster Studenten, Apotheker oder Ärzten unter den Eltern und schon hat man das Mittel. Was ich persönlich nicht allzuschlimm finde, denn diejenigen Personen aus meinem Umfeld, die Ritalin ausprobiert haben, sind durchaus vernünftige Menschen.
sowie Markus Leutwyler
Mag sein, dass die Autorin kriminell gehandelt hat, doch was sie aufzeigt, ist eine Krankheit in unserem System. Die Krankheit, Leistungen stets mit der höchstmöglichen Leistung zu vergleichen und nicht mit der höchstmöglichen, nachhaltig verträglichen Leistung. Das schraubt die Anforderungen stets nach oben und immer mehr Menschen zerbrechen daran.
Ich bin mir noch nicht sicher, was ich von all dem halten soll. Mir ist die Mode-Pille einfach noch nicht begegnet. Ich fände es auch völlig absurd so etwas zu nehmen. Ich kann immer nur so viel leisten wie ich eben dazu fähig bin. Niemand legt mir abends ein Bonbon ans Bett, weil ich mich so abgestrampelt habe, oder? Und für wen dann eigentlich? Für die Gesellschaft? Für mich sicherlich nicht. Da fände ich es wichtiger, dass unsere (Leistungs-)gesellschaft die Mechanismen der Leitungsmotivation kennt und versteht und in allen Bereichen anwendet.
Was meint ihr dazu? Habt ihr schon mal davon gehört? Kennt ihr jemand der Ritalin zur Leistungssteigerung nimmt?
Michael Wald 05.09.2009 12:21
Ich nehm zwar kein Ritalin, trinke aber jeden Tag Kaffee.
Der Themenkomplex fällt nach meiner Wahrnehmung unter das Stichwort "Neuro-Enhancement"
Hier zwei interessante Video Interviews mit Stephan Schleim (Brainlogs)
http://www.brainlogs.de/blogs/blog/braincast/2009-07-18/neuro-enhancement1-video
http://www.brainlogs.de/blogs/blog/braincast/2009-08-16/neuro-enhancement2-video
Eine kritische Betrachtung der statistischen Zahlen zum Themenkomplex:
http://www.brainlogs.de/blogs/blog/menschen-bilder/2009-07-04/gehirndoping-die-mediale-konstruktion-von-fakten
Anne Grabs 09.09.2009 18:06
Ja das stimmt, die ZEIT hatte darüber auch mal einen sehr ausführlichen Artikel (es müsste dieser hier die Online-Variante sein http://www.zeit.de/2007/34/M-Seele-Hirnelektrode) geschrieben. Für jede Stimmung die richtige Pille, schon erschreckend.